Vielleicht kennst du diesen Moment: Eigentlich dachtest du, du hättest deinen Hashimoto inzwischen ganz gut verstanden. Du weißt, was dir beim Essen guttut, kennst deine Schilddrüsenwerte und hast deine Routinen gefunden. Und dann verändert sich plötzlich wieder etwas.
Du schläfst schlechter, deine Energie schwankt und dein Gewicht reagiert anders als früher. Vielleicht bist du schneller erschöpft, gleichzeitig innerlich unruhig oder merkst, dass du Stress längst nicht mehr so gut wegsteckst. Hitzewallungen kommen dazu, der Kopf fühlt sich nicht mehr so klar an und an manchen Tagen fragst du dich, wo eigentlich die Frau geblieben ist, die früher so viel mehr geschafft hat.
Und irgendwann taucht die Frage auf: Ist das jetzt Hashimoto? Sind das die Wechseljahre? Oder stimmt mit meiner Schilddrüse wieder etwas nicht?
Genau an diesem Punkt lohnt es sich, den Blick etwas zu weiten. Denn unser Körper arbeitet nicht in einzelnen Schubladen. Schilddrüse, Sexualhormone, Stoffwechsel, Nervensystem und Stressregulation stehen miteinander in Verbindung. Gerade in der Perimenopause und in den Wechseljahren kann dieses Zusammenspiel für Frauen mit Hashimoto besonders spürbar werden.
Was passiert eigentlich in den Wechseljahren?
Die Wechseljahre beginnen nicht erst mit der letzten Periode. Bereits Jahre vorher, in der sogenannten Perimenopause, verändert sich die Hormonlandschaft. Eisprünge können unregelmäßiger werden und damit verändert sich auch die Bildung von Progesteron. Gleichzeitig kann Östrogen zunächst deutlich schwanken, bevor die Östrogenspiegel im weiteren Verlauf insgesamt zurückgehen.
Deshalb erleben viele Frauen diese Zeit auch nicht als eine gleichmäßige Veränderung. Es kann Wochen geben, in denen du dich wunderbar fühlst, und dann plötzlich Tage, an denen du deinen eigenen Körper kaum wiedererkennst.
Schlaf, Stimmung, Temperaturregulation, Zyklus, Energie und auch die Art, wie wir auf Belastungen reagieren, können sich verändern. Und natürlich hört die Schilddrüse währenddessen nicht auf, Teil unseres Stoffwechsels und unserer hormonellen Regulation zu sein.
Deshalb finde ich bei Frauen mit Hashimoto eine Frage viel interessanter als die Suche nach einem einzelnen „schuldigen“ Hormon: Wie gut kann der Körper im Moment mit all diesen Veränderungen umgehen?
Warum Hashimoto und Wechseljahre manchmal schwer auseinanderzuhalten sind
Das Schwierige ist, dass sich einige typische Beschwerden einer Schilddrüsenunterfunktion und Beschwerden rund um die Wechseljahre ähneln können. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Veränderungen des Gewichts, Stimmungsschwankungen oder Schlafprobleme lassen sich nicht automatisch nur einer Ursache zuordnen.
Vielleicht war deine Schilddrüse lange gut eingestellt und trotzdem verändert sich plötzlich dein Befinden. Das muss nicht automatisch bedeuten, dass deine Schilddrüsenmedikation nicht mehr passt. Es kann genauso wichtig sein, die hormonelle Lebensphase, deine aktuelle Stressbelastung, deinen Schlaf, deine Ernährung und deinen Stoffwechsel mit einzubeziehen.
Genau deshalb reicht es für mich nicht, nur zu fragen: „Wie ist der TSH-Wert?“ Laborwerte sind wichtig und gehören selbstverständlich dazu. Aber genauso wichtig ist die Frau, die vor diesen Laborwerten sitzt. Wie geht es ihr morgens beim Aufstehen? Hat sie Energie für ihren Alltag? Kann sie sich konzentrieren? Schläft sie erholsam? Wie geht es ihr nach Belastungen? Und fühlt sie sich überhaupt noch wohl in ihrem Körper?
Ein Laborwert lebt schließlich nicht dein Leben. Du tust es.
Wenn du müde bist – aber trotzdem nicht zur Ruhe kommst
Eine Konstellation begegnet mir bei Frauen in dieser Lebensphase besonders häufig: Sie fühlen sich erschöpft und können trotzdem nicht richtig abschalten. Abends sind sie eigentlich müde, liegen dann aber im Bett und der Kopf läuft weiter. Oder sie wachen nachts auf und finden nur schwer zurück in den Schlaf.
Gerade dann lohnt sich der Blick auf die gesamte Belastung des Körpers. Denn hormonelle Veränderungen finden nicht in einem Vakuum statt. Beruf, Familie, Partnerschaft, Schlafmangel, emotionaler Stress, Training, Ernährung und die vielen kleinen Anforderungen des Alltags laufen gleichzeitig weiter.
Vielleicht hast du mit 30 eine kurze Nacht einfach weggesteckt. Heute merkst du sie noch zwei Tage später. Vielleicht konntest du früher Mahlzeiten auslassen, bis spät arbeiten und anschließend noch Sport machen. Und plötzlich sagt dein Körper: So möchte ich das nicht mehr.
Das bedeutet nicht, dass du weniger leistungsfähig bist. Vielleicht braucht dein Körper heute einfach andere Voraussetzungen, damit er seine Energie gut zur Verfügung stellen und nach Belastungen wieder in die Regeneration finden kann.
Warum Hitzewallungen nicht das einzige Thema sind
Wenn wir von Wechseljahren sprechen, denken viele Frauen zuerst an Hitzewallungen. Doch die hormonelle Umstellung kann sich sehr unterschiedlich bemerkbar machen. Manche Frauen schlafen plötzlich schlechter, andere erleben Stimmungsschwankungen, Brain Fog, innere Unruhe oder eine veränderte Belastbarkeit. Auch die Körperzusammensetzung und das Gewicht können sich verändern.
Gerade deshalb ist es wichtig, nicht jedes Symptom sofort einer einzigen Ursache zuzuschreiben. Nicht jede Müdigkeit kommt von der Schilddrüse, nicht jede Schlafstörung lässt sich auf Progesteron reduzieren und nicht jede Hitzewallung bedeutet automatisch, dass lediglich Östrogen fehlt.
Unser Körper ist komplexer. Und genau darin liegt für mich der Wert eines ganzheitlichen Blicks: nicht möglichst viele Einzelprobleme zu finden, sondern Zusammenhänge zu erkennen.
Stoffwechsel und Hormone gehören zusammen
Ein Punkt wird rund um die Wechseljahre häufig unterschätzt: unser Stoffwechsel.
Hormone wirken nicht losgelöst vom Rest des Körpers. Auch unsere Ernährung, Muskelmasse, Bewegung, Schlafqualität und die Art, wie stabil wir über den Tag mit Energie versorgt sind, spielen eine Rolle für unser Wohlbefinden.
Deshalb interessiert mich bei einer Frau mit Hashimoto und Wechseljahresbeschwerden nicht nur, welche Hormone möglicherweise verändert sind. Ich möchte auch wissen, wie sie isst, wie ihre Energie über den Tag aussieht, wie sie schläft und regeneriert, wie viel Stress sie trägt und wie es ihrer Verdauung geht. Ebenso gehört die Frage dazu, ob der Körper ausreichend mit Eiweiß, hochwertigen Fetten, Vitaminen und Mineralstoffen versorgt ist.
Und vielleicht liegt genau hier ein wichtiger Perspektivwechsel: Es geht nicht immer darum, noch mehr zuzuführen. Manchmal lohnt es sich zuerst zu schauen, welche Grundlagen der Körper braucht, damit seine natürlichen Regulationsprozesse möglichst gut funktionieren können.
Was du jetzt für deinen Körper tun kannst
Du musst deinen kompletten Alltag nicht von heute auf morgen verändern. Im Gegenteil: Gerade wenn dein System ohnehin schon unter Belastung steht, kann ein weiterer riesiger Optimierungsplan zusätzlichen Druck erzeugen.
Beginne lieber bei den Grundlagen. Eine regelmäßige, nährstoffreiche Ernährung mit ausreichend Eiweiß und hochwertigen Fetten kann eine gute Basis sein. Auch die Art, wie du isst, darf wieder wichtiger werden. Nicht schnell zwischen zwei Terminen, nebenbei am Laptop oder mit dem Handy in der Hand, sondern bewusst, in Ruhe und gut gekaut. Das klingt banal, ist aber gerade für die Verdauung ein Punkt, der häufig unterschätzt wird.
Auch dein Schlaf verdient Aufmerksamkeit. Wenn du regelmäßig nachts wach wirst, lange nicht einschlafen kannst oder morgens trotz ausreichender Stunden völlig erschöpft bist, sollte das nicht einfach als „ist halt so in den Wechseljahren“ abgetan werden.
Dasselbe gilt für Bewegung. Krafttraining und regelmäßige Aktivität sind gerade in der Lebensmitte wertvoll. Gleichzeitig ist mehr nicht automatisch besser. Training sollte deinem Körper einen sinnvollen Reiz geben und nicht zu einem weiteren Stressfaktor werden. Manchmal kann eine ruhigere Einheit, ein Spaziergang oder ein zusätzlicher Regenerationstag genau das sein, was der Körper gerade braucht.
Und vielleicht stellst du dir zwischendurch einmal eine andere Frage. Nicht sofort: „Was kann ich noch nehmen?“, sondern: „Was braucht mein Körper gerade, damit er sich besser regulieren und erholen kann?“
Diese Frage verändert oft schon den Blick auf die eigene Situation.
Und was ist mit Hormonen?
Auch eine Hormontherapie darf Teil einer ganzheitlichen Betrachtung sein. Ganzheitlich zu arbeiten bedeutet für mich nicht, Hormone grundsätzlich abzulehnen oder jedes Problem ausschließlich über Ernährung, Darm oder Lebensstil lösen zu wollen.
Eine menopausale Hormontherapie kann bei entsprechenden Beschwerden für manche Frauen eine sinnvolle Behandlungsoption sein und sollte individuell mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden. Dabei sollte aber weiterhin der gesamte Mensch betrachtet werden: Wie geht es der Schilddrüse? Wie ist der Schlaf? Wie hoch ist die aktuelle Belastung? Wie sieht die Ernährung aus und welche Beschwerden stehen tatsächlich im Vordergrund?
Es muss also nicht heißen: Hormone oder Lebensstil, Schilddrüse oder Wechseljahre, Schulmedizin oder ganzheitlicher Ansatz. Unterschiedliche Bausteine können sich sinnvoll ergänzen, wenn sie zur jeweiligen Frau und ihrer Situation passen.
Vielleicht braucht dein Körper heute etwas anderes als vor zehn Jahren
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften, die ich Frauen in dieser Lebensphase gerne mitgeben möchte.
Wenn du heute Dinge schlechter verträgst, schneller erschöpft bist oder dein Körper plötzlich anders reagiert, bedeutet das nicht automatisch, dass etwas mit dir nicht stimmt.
Vielleicht funktioniert nur deine alte Bedienungsanleitung nicht mehr.
Die Wechseljahre sind eine neue Lebensphase. Und gerade mit Hashimoto kann es unglaublich wertvoll sein, den eigenen Körper noch einmal neu kennenzulernen, statt verzweifelt zu versuchen, wieder genauso zu funktionieren wie früher.
Beobachte deshalb in den nächsten Tagen einmal nicht nur deine Beschwerden, sondern auch die Situationen drumherum. Wann geht es dir richtig gut? Wie hast du in der Nacht davor geschlafen? Wie hast du gegessen? Wie viel Stress hattest du? Wie fühlst du dich nach Bewegung? Gibt es Momente, in denen deine Energie plötzlich einbricht, und was ist vorher passiert?
Nicht mit dem Gedanken: „Was mache ich schon wieder falsch?“ Sondern mit Neugier auf deinen eigenen Körper.
Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit dem nächsten Supplement oder der nächsten Stellschraube. Manchmal beginnt sie damit, dass wir aufhören, nur einzelne Symptome zu betrachten, und anfangen, das gesamte Bild zu sehen.
Wenn du schon so viel ausprobiert hast …
Vielleicht stehst du gerade genau an diesem Punkt. Deine Schilddrüse ist eingestellt, du hast bereits verschiedene Supplements ausprobiert, achtest auf deine Ernährung und trotzdem fühlst du dich nicht so, wie du dich gerne fühlen möchtest.
Dann kann es sinnvoll sein, nicht einfach die nächste Einzelmaßnahme auszuprobieren, sondern genauer hinzuschauen: auf deine Schilddrüse und deine hormonelle Lebensphase, aber genauso auf Ernährung, Stoffwechsel, Verdauung, Nährstoffversorgung, Schlaf und deine aktuelle Belastung.
Genau darum geht es auch in meiner Begleitung: nicht noch mehr Druck aufzubauen und nicht jedem einzelnen Symptom hinterherzulaufen, sondern Zusammenhänge zu verstehen und herauszufinden, was dein Körper in deiner jetzigen Lebensphase wirklich braucht.
Denn das Ziel sollte nicht sein, irgendwie durch die Wechseljahre zu kommen oder unbedingt wieder die Frau zu werden, die du mit 30 warst.
Vielleicht darf das Ziel viel schöner sein: deinen Körper neu kennenzulernen, wieder Vertrauen in ihn zu entwickeln und diese Lebensphase mit mehr Energie, Lebensfreude und deinem eigenen inneren Feuer zu gestalten. ❤️