„Ich mache doch schon so viel. Warum geht es mir trotzdem nicht besser?“

Diesen Gedanken höre ich gerade in Erstgesprächen mit Frauen mit Hashimoto immer wieder. Viele haben bereits ihre Ernährung verändert, Nahrungsergänzungsmittel ausprobiert, ihre Schilddrüsenwerte überprüfen lassen und unzählige Informationen gesammelt. Irgendwann entsteht verständlicherweise die Hoffnung: Jetzt müsste es doch endlich besser werden.

Wenn genau das nicht passiert, ist die Enttäuschung groß. Und schnell kommt noch etwas viel Belastenderes dazu: Warum funktioniert mein Körper nicht? Warum klappt es bei anderen und bei mir nicht? Was mache ich falsch?

Vielleicht liegt genau hier schon ein wichtiger Gedanke: Dein Körper ist keine Maschine.

Wir können nicht einfach ein Supplement hineinwerfen, an einer Stellschraube drehen und erwarten, dass anschließend alles wieder funktioniert. So wunderbar und gleichzeitig kompliziert ist unser Organismus nun einmal nicht aufgebaut.

Ganzheitlich bedeutet mehr als Ernährung und Laborwerte

Wenn ich Frauen mit Hashimoto begleite, schaue ich natürlich auf Ernährung, Stoffwechsel, Nährstoffversorgung und die Schilddrüse. Auch der Darm spielt in meiner ganzheitlichen Betrachtung eine wichtige Rolle. Aber für mich wäre es nicht wirklich ganzheitlich, wenn wir dabei einen wesentlichen Teil des Menschen vergessen würden: unsere Gedanken, unsere Gefühle und die Art, wie wir leben.

Wie viel Druck hast du in deinem Alltag? Wie gut kannst du dich erholen? Wie sprichst du mit dir selbst? Hast du das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen? Kannst du Grenzen setzen? Gibt es Menschen, bei denen du dich sicher, verstanden und einfach wohlfühlst?

Für mich gehören solche Fragen genauso zu Gesundheit wie die Frage danach, was auf unserem Teller liegt.

Denn körperliche, psychische und soziale Gesundheit lassen sich im echten Leben nicht fein säuberlich voneinander trennen. Wir sind immer derselbe Mensch – egal, ob wir gerade essen, schlafen, arbeiten, denken, lieben, uns sorgen oder versuchen, endlich einmal zur Ruhe zu kommen.

Wenn Gesundwerden selbst zum Stress wird

Gerade bei einer chronischen Erkrankung beobachte ich noch etwas anderes: Irgendwann kann sogar der Wunsch, alles richtig zu machen, zusätzlichen Druck erzeugen.

Ist dieses Lebensmittel gut für mich? Habe ich heute genug Eiweiß gegessen? Habe ich meine Supplemente genommen? War mein Schlaf gut genug? Sollte ich mehr Sport machen? Weniger Sport? Mehr entspannen?

Und plötzlich wird aus Selbstfürsorge eine weitere To-do-Liste.

Das finde ich besonders wichtig, weil viele Frauen ohnehin schon Meisterinnen im Funktionieren sind. Familie, Beruf, Termine, Haushalt – und jetzt soll bitte auch noch die eigene Gesundheit perfekt gemanagt werden.

Entspann dich gefälligst – aber bitte effizient.

Da darf man durchaus einmal über den Widerspruch schmunzeln.

Was Stress mit unserem Körper macht

Stress ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Unser Körper besitzt wunderbare Mechanismen, um auf Herausforderungen zu reagieren. Problematisch kann es werden, wenn Belastung zum Dauerzustand wird und echte Regeneration immer seltener stattfindet.

Und Stress bedeutet dabei nicht ausschließlich einen vollen Terminkalender. Auch Sorgen, Konflikte, permanenter Leistungsdruck oder das Gefühl, immer stark sein zu müssen, können uns belasten.

Deshalb interessiert mich im Coaching nicht nur: Was isst du? Sondern auch: Wie geht es dir eigentlich?

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Hashimoto durch „falsches Denken“ entsteht oder dass man sich nur genügend entspannen müsse, damit die Erkrankung verschwindet. Solche Aussagen wären mir viel zu einfach.

Es bedeutet lediglich, dass ich einen Menschen mit Hashimoto nicht auf seine Schilddrüse reduzieren möchte.

Auch unsere Beziehungen gehören zur Gesundheit

Ein Punkt wird meiner Meinung nach häufig unterschätzt: unsere soziale Gesundheit.

Wir brauchen Austausch, Nähe, Verbindung und Menschen, bei denen wir nicht funktionieren müssen. Gerade in einer Zeit, in der Kommunikation immer digitaler wird, empfinde ich echte zwischenmenschliche Begegnungen als unglaublich wertvoll.

Vielleicht sollten wir deshalb viel häufiger fragen: Wer oder was tut mir eigentlich gut? Wo kann ich wirklich ich selbst sein? Was gibt mir Energie – und was kostet mich dauerhaft Kraft?

Das sind keine Laborwerte. Trotzdem können die Antworten unglaublich viel über unser Leben verraten.

Vielleicht fehlt dir nicht das nächste Supplement

Versteh mich nicht falsch: Eine gute Versorgung, Ernährung, Bewegung, Darmgesundheit und eine vernünftige medizinische Begleitung haben selbstverständlich ihren Platz.

Aber manchmal lohnt es sich, neben der Frage

„Was kann ich noch einnehmen?“

eine zweite Frage zu stellen:

„Was brauche ich eigentlich?“

Vielleicht mehr Ruhe. Vielleicht Bewegung. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht eine Grenze. Vielleicht Unterstützung. Vielleicht wieder etwas, das einfach Freude macht und überhaupt keinen gesundheitlichen Zweck erfüllen muss.

Mein Fazit

Für mich bedeutet ganzheitliche Begleitung bei Hashimoto, den ganzen Menschen zu sehen. Nicht nur die Schilddrüse. Nicht nur den Darm. Nicht nur die Ernährung. Und genauso wenig nur die Psyche.

Alles gehört zu dir.

Du musst deinen Körper deshalb nicht ständig dazu bringen, endlich wieder zu „funktionieren“. Vielleicht darfst du beginnen, ihm etwas genauer zuzuhören.

Und vor allem dir selbst.

Denn manchmal ist nicht die wichtigste Frage:

„Was mache ich noch falsch?“

Sondern:

„Was würde mir gerade wirklich guttun?“ ❤️