„Eigentlich müsste ich doch glücklich sein.“
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit immer wieder.
Viele Frauen haben eine Familie, einen Partner, einen Beruf und meistern ihren Alltag nach außen hin scheinbar problemlos. Sie funktionieren. Sie kümmern sich um andere. Sie erledigen ihre Aufgaben. Sie sind verlässlich, hilfsbereit und stark.
Und trotzdem fühlen sie sich innerlich erschöpft.
Sie schlafen und wachen morgens dennoch müde auf. Sie ziehen sich immer häufiger zurück. Sie haben weniger Freude an Dingen, die ihnen früher wichtig waren. Sie fühlen sich nicht mehr richtig belastbar und oft auch nicht mehr wie sie selbst.
Viele dieser Frauen erhalten irgendwann die Diagnose Hashimoto.
Doch aus meiner Sicht beginnt die Geschichte häufig nicht mit der Schilddrüse.
Sie beginnt oft viele Jahre früher.
Wenn Funktionieren zur Gewohnheit wird
Auffällig viele Frauen mit Hashimoto beschreiben ähnliche Muster.
Sie waren schon als Kinder sehr verantwortungsbewusst.
Sie wollten alles richtig machen.
Sie wollten niemandem zur Last fallen.
Sie haben früh gelernt, Rücksicht zu nehmen, Erwartungen zu erfüllen und Konflikte möglichst zu vermeiden.
Natürlich ist das nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Im Gegenteil. Viele dieser Eigenschaften helfen uns im Leben.
Problematisch wird es erst dann, wenn wir dabei verlernen, auf uns selbst zu hören.
Wenn wir immer für andere da sind, aber kaum noch wahrnehmen, was wir selbst brauchen.
Wenn wir funktionieren, obwohl wir längst erschöpft sind.
Wenn wir immer wieder über unsere eigenen Grenzen gehen.
Die Rubikon-Phase – eine oft unterschätzte Lebensphase
In der Entwicklungspsychologie gilt die Zeit zwischen etwa neun und dreizehn Jahren als eine besonders sensible Phase.
Manche Autoren bezeichnen sie als Rubikon-Phase.
In dieser Zeit beginnt ein Kind zunehmend, sich selbst zu reflektieren und Antworten auf grundlegende Fragen zu entwickeln:
Bin ich wichtig?
Werde ich gesehen?
Darf ich meine Meinung sagen?
Darf ich Nein sagen?
Bin ich richtig, so wie ich bin?
Darf ich mich zeigen?
Erlebt ein Kind in dieser Zeit ausreichend Sicherheit, Vertrauen und emotionale Stabilität, entsteht häufig ein gesundes Gefühl von Selbstwert und Selbstwirksamkeit.
Fehlen diese Erfahrungen oder lernt ein Kind, dass Anpassung wichtiger ist als Authentizität, entwickeln sich oft Schutzstrategien.
Man wird besonders fleißig.
Besonders angepasst.
Besonders leistungsbereit.
Man versucht, alles richtig zu machen.
Was damals Schutz geboten hat, kann Jahrzehnte später jedoch zur Belastung werden.
Denn viele Frauen haben nie gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen.
Was hat das mit Hashimoto zu tun?
Natürlich entsteht eine Autoimmunerkrankung nicht einfach durch eine schwierige Kindheit oder durch fehlenden Selbstwert.
Hashimoto ist ein komplexes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren, Immunregulation, Stoffwechselprozessen und Lebensstil.
Trotzdem beobachten wir immer wieder, dass chronischer Stress eine zentrale Rolle spielt.
Dabei geht es nicht nur um Termindruck oder einen vollen Kalender.
Es geht auch um den inneren Stress.
Den Stress, immer stark sein zu müssen.
Den Stress, Erwartungen erfüllen zu wollen.
Den Stress, sich selbst ständig zurückzustellen.
Der Körper unterscheidet nämlich nicht, ob eine Belastung von außen oder von innen kommt.
Für das Nervensystem bleibt Stress Stress.
Der Körper versucht ständig auszugleichen
Im kategorialen Ordnungssystem wird der Mensch als zusammenhängendes Regulationssystem betrachtet.
Psyche, Nervensystem, Hormone, Stoffwechsel, Immunsystem und Organe arbeiten nicht getrennt voneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig.
Der Körper versucht dabei permanent, ein inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Solange ausreichend Reserven vorhanden sind, gelingt ihm das erstaunlich gut.
Er kompensiert.
Er passt sich an.
Er organisiert um.
Deshalb entstehen Symptome häufig erst dann, wenn die Fähigkeit zur Kompensation erschöpft ist.
Die Beschwerden zeigen sich oft erst am Ende einer langen Entwicklung und nicht an ihrem Anfang.
Warum Stress die Schilddrüse beeinflussen kann
Die Schilddrüse arbeitet niemals isoliert.
Sie steht in enger Verbindung mit dem Nervensystem, den Nebennieren, dem Darm, der Leber und dem Immunsystem.
Befindet sich der Körper über Jahre hinweg in einem Zustand dauerhafter Alarmbereitschaft, verschiebt sich seine Priorität.
Überleben wird wichtiger als Wachstum.
Sicherheit wird wichtiger als Entwicklung.
Der Organismus beginnt Energie einzusparen.
Viele Frauen erleben genau dann Symptome wie:
Müdigkeit.
Brain Fog.
Frieren.
Gewichtszunahme.
Haarausfall.
Antriebslosigkeit.
Schlafprobleme.
Innere Unruhe.
Und oft entsteht das Gefühl:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Dabei versucht der Körper in Wirklichkeit häufig nur, mit einer langfristigen Überlastung umzugehen.
Die verlorene Stimme
Besonders spannend finde ich die symbolische Ebene, die viele Frauen selbst beschreiben.
Die Schilddrüse sitzt im Halsbereich.
Genau dort, wo wir uns ausdrücken.
Wo wir kommunizieren.
Wo wir unsere Wahrheit aussprechen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass unterdrückte Gefühle eine Schilddrüsenerkrankung verursachen.
Aber es fällt auf, wie häufig Frauen mit Hashimoto Sätze sagen wie:
„Ich sage oft nichts, um Streit zu vermeiden.“
„Ich schlucke vieles herunter.“
„Ich möchte niemandem zur Last fallen.“
„Ich kümmere mich lieber selbst darum.“
„Ich möchte niemanden enttäuschen.“
Es scheint, als hätten viele Frauen gelernt, ihre Bedürfnisse leiser werden zu lassen als die Bedürfnisse anderer.
Doch genau das kostet Energie.
Jeden Tag.
Die vier inneren Grundbedürfnisse
Professor Max Lüscher beschrieb vier grundlegende Selbstgefühle:
Zufriedenheit.
Selbstachtung.
Selbstvertrauen.
Freiheit.
Sind diese Bereiche dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten, entsteht häufig ein tiefer innerer Stress.
Nicht der Stress eines vollen Kalenders.
Sondern der Stress, nicht ganz man selbst sein zu dürfen.
Der Stress, ständig Erwartungen erfüllen zu müssen.
Der Stress, sich selbst immer wieder hinten anzustellen.
Und genau dieser innere Druck kann sich langfristig auf das gesamte Regulationssystem auswirken.
Gesundheit hat auch etwas mit Selbstwert zu tun
Deshalb bedeutet Heilung für mich weit mehr als die Optimierung von Laborwerten.
Natürlich spielen Ernährung, Darmgesundheit, Schlaf, Nährstoffe, Bewegung und Stressmanagement eine wichtige Rolle.
Doch oft beginnt Veränderung an einem ganz anderen Punkt.
Nämlich dort, wo eine Frau erkennt:
Ich bin wichtig. Meine Bedürfnisse sind wichtig. Meine Grenzen sind wichtig. Meine Gesundheit ist wichtig.
Viele Frauen kümmern sich jahrelang um alle anderen.
Vielleicht besteht der nächste Schritt deshalb nicht darin, noch mehr zu leisten.
Sondern darin, wieder zu lernen, sich selbst ernst zu nehmen.
Denn Gesundheit beginnt häufig genau in dem Moment, in dem wir aufhören, uns selbst auf den letzten Platz zu setzen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft überhaupt:
Du musst nicht erst gesund werden, um dir selbst wichtig zu sein.
Vielleicht beginnt Gesundheit genau dort, wo du beschließt, dass du es schon heute bist.